

Am Mittwoch, den 11. September 1929, abends um 20.00 Uhr, fand im Restaurant "Viktoria" in Albisrieden die Gründungsversammlung der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Albisrieden statt.
Zu dieser öffentlichen Versammlung hatte ein Aktionskomitee, bestehend aus Alfred Strebel, damaliger Gemeindepräsident von Albisrieden, Herr Huber, ehemaliges Vorstandmitglied der ABZ, Zürich 4, und Wilhelm Müller, Architekt, Zürich 4 eingeladen. Es fanden sich rund 50 interessierte Personen ein.
Der grosse Zulauf den die Versammlung fand, zeigte das starke Bedürfnis nach guten und doch günstigen Wohnungen. Die Entwicklung des Wohnungsmarktes nach dem 1. Weltkrieg war wenig mieterfreundlich. Die zu früh wieder aufgehobene Mieterschutzgesetzgebung zeigte sich besonders nachteilig. Für den Vorort Albisrieden kamen erschwerend hinzu, dass infolge der Verbesserung der Verkehrswege durch neue Tramlinien rasch die spekulative und preisverteuernde Nachfrage nach Bauland stieg. Neben den Bauvorschriften der Gemeinde, die nach geltender Praxis damals nur eine offene Bauweise, also Einzelhäuser mit maximal 3 Wohnungen zuliess, wirkten die aufgeführten Faktoren hemmend auf den Wohnungsneubau und gaben als Nebenwirkung Gelegenheit zu starken Mietzinsaufschlägen auf den bereits bestehenden Wohnungen.
Der Architekt Wilhelm Müller erläuterte der Versammlung anhand von Plänen und Skizzen ein Projekt für eine genossenschaftliche Wohnkolonie mit 45 Wohnungen an der Dennler- Autostrasse in Albisrieden.
30 der anwesenden Personen dokumentierten unterschriftlich ihr Interesse an einer Genossenschaftsgründung. Auf dem erprobten Weg der genossenschaftlichen Selbsthilfe wollte man also versuchen, erträgliche Verhältnisse für Mieterinnen und Mieter zu schaffen. In den Personen Eugen Nettgens, Präsident, Henry Golay, Aktuar, Alfred Strebel, Daniel Bretscher und Herrmann Wartmann wurde ein provisorischer Vorstand gewählt. Dieser erhielt gleichzeitig den Auftrag, Statuten auszuarbeiten und zu einer ordentlichen Generalversammlung einzuberufen.
Diese konstituierende, ordentliche Generalversammlung fand knapp einem Monat später bereits am 9. Oktober 1929 im Saal des Gasthof zum Rössli in Albisrieden statt.
Die vom Vorstand ausgearbeiteten Statuten wurden artikelweise behandelt und erläutert und von der Versammlung diskussionslos genehmigt.
Ebenfalls definitiv und einstimmig wurde Eugen Nettgens zum Präsidenten gewählt.
Als weitere Vorstandsmitglieder wurden bestimmt: Walter Müller, Kassier, Daniel Bretscher, Henry Golay, Hermann Wartmann, Alfred Strebel und Paul Klaus.
Bereits an dieser Versammlung konnte das an der ersten Versammlung vorgestellt Wohnbauprojekt weiter konkretisiert werden, so dass beschlossen wurde, den Vorstand für die entsprechende Ausführung zu bevollmächtigen, unter der Bedingung, dass das betreffende Bauland zu einem ortsüblichen und dem Vorstand annehmbar scheinenden Preis erhältlich sei.
Als nächster Schritt erfolgte die Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung auf Mittwoch, den 29. Januar 1930 im Restaurant Viktoria. Wichtigstes Traktandum war die Beschlussfassung über die Ausführung eines Wohnbau-Projektes im Bereich Letzigraben-Fellenbergstrasse in Albisrie-den. Das Projekt an der Dennlerstrasse war infolge des zu hohen Landpreises fallen gelassen worden.
Nach ausführlicher Darstellung und Diskussion über das Projekt wurde dieses mit grossem Mehr genehmigt; es handelt sich um die 1. Bauetappe.
Aus heutiger Sicht vielleicht etwas exotisch mag die damals noch diskutierte Frage erscheinen, ob die Häuser mit Zentralheizung versehen werden sollten. Auf Antrag des Vorstandes wurde dies mit einer einzigen Gegenstimme gutgeheissen.
Die nachfolgenden Bilder zeigen als interessante Zeitdokumente, wie die damals neuen Wohnhäuser und Wohnungen nach deren Erstellung heute vor über 70 Jahren ausgesehen haben.
Von Anfang an ein klar bekundetes Leitmotiv des damaligen Vorstandes war, bei den Wohnungen neben einem möglichst niedrig gehaltenen Mietzins auch einen angemessenen Komfort zu bieten. So wurde von verschiedener Seite angeführt, dass der gemeinnützige Wohnungsbau mit dieser Ausstaffierung der Wohnungen - jede Wohnung mit eigenem Bad, teilweise separatem WC, Zentralheizung und zentrale Warmwasseraufbereitung - zu weit gehe. Wenn einfacher gebaut würde, könnte der Mietzins noch niedriger gehalten werden. Der Vorstand lehnte solche Ansichten ab, weil nach seiner Auffassung die neuesten Errungenschaften im Wohnungsbau nicht nur den "Bessersituierten" vorbehalten bleiben sollten. Er konnte klar darauf verweisen, dass selbst unter Berücksichtigung dieses vermehrten Komforts gegenüber dem spekulativen Wohnungsbau um rund einen Drittel günstigere Mietzinse geboten werden konnten.
Die Mietzinse haben 1930 je nach Wohnungsgrössen inklusive Nebenkosten je nach Wohnungsgrösse pro Monat ungefähr 75.-- bis 144.-- Fr. betragen:
| Mietbeträge damals | ||
| 2-Zimmer | 825.-- bis 987.-- Fr. pro Jahr | entspricht 68.-- bis 82.-- Fr. pro Monat |
| 3-Zimmer | 1023.-- bis 1239.-- Fr. pro Jahr | entspricht 85.-- bis 103.-- Fr. pro Monat |
| 4-Zimmer | 1396.-- bis 1558.-- Fr. pro Jahr | entspricht 116.-- bis 130.-- Fr. pro Monat |
| zuzüglich Kosten für Zentralheizung und Warmwasserversorgung bei | ||
| 2-Zimmer | ca. 90.-- bis 100.-- Fr. pro Jahr | entspricht 7.50 bis 8.30 Fr. pro Monat |
| 3-Zimmer | ca. 120.-- bis 130.-- Fr. pro Jahr | entspricht 10.-- bis 10.80 Fr. pro Monat |
| 4-Zimmer | ca. 160.-- bis 170.-- Fr. pro Jahr | entspricht 13.30 bis 14.20 Fr. pro Monat |
Wenn man an diesen Werten den Index bis Ende 2003 aufrechnet, bekommt man einen besseren Vergleich. Man kann - was manche erstaunen mag - sogar feststellen, dass die heutigen Nettomietzinse für diese Wohnungen vergleichsweise eher noch günstiger sind als damals und wenn man bedenkt, dass vermutlich das Lohnaufkommen heute in der Tendenz eher höher liegt als noch in den 30-er Jahren, sieht man, dass die Genossenschaftswohnungen im Quervergleich sicher günstig waren, bei den Leuten aber dennoch einen ordentlichen Anteil an den Lebenshaltungskosten ausmachten.
| zum Vergleich die Mietzinse heute | ||
| Mietzinse 1930 indexiert auf 2003 | ||
| 2-Zimmer | 5115.-- bis 6'120.-- Fr. pro Jahr | entspricht 426.-- bis 510.-- Fr. pro Monat |
| 3-Zimmer | 6343.-- bis 7'682.-- Fr. pro Jahr | entspricht 529.-- bis 640.-- Fr. pro Monat |
| 4-Zimmer | 8'655.-- bis 9'660.-- Fr. pro Jahr | entspricht 721.-- bis 805.-- Fr. pro Monat |
| durchschnittliche Mietzinse 2003/aktuell | ||
| 2-Zimmer | 473.80 Fr. pro Monat | |
| 3-Zimmer | 563.90 Fr. pro Monat | |
| 4-Zimmer | 684.40 Fr. pro Monat | |
Die weiteren Arbeiten des Vorstandes unter der technischen Beratung des Architekten Wilhelm Müller wurden derart emsig betrieben, dass schon am 29. Januar 1930 die öffentliche Beurkundung des zur Überbauung in Aussicht genommenen Grundstückes und am 3. Februar 1930 die Einriechung des Baugesuches bei der Baubehörde Albisrieden erfolgen konnte. Nicht zuletzt trug das weitgehende Entgegenkommen auch des Stadtrates von Zürich, vorab des Vorsitzenden der Wohnungsbaukommission, Stadtpräsident Dr. Klöti, dazu bei, die Finanzierung des Vorhabens zu sichern.
Am 2. Mai 1930 erfolgte der Spatenstich zur 1. Bauetappe.
Und es ging mit grossem Elan weiter. Schon am 3. September 1930 fand im Restaurant Viktoria eine weitere ausserordentliche Generalversammlung statt, bei welcher über den Antrag des Vorstandes zur Ausführung der 2. Bauetappe beraten wurde. Dieses Vorhaben mit total weiteren 57 Wohnungen wurde von den anwesenden 56 Mitgliedern einstimmig gutgeheissen. Die Erfahrungen aus dem laufenden Bau der Häuser der 1. Etappe, hauptsächlich im Ausbau, sollten hier bereits einfliessen.
Anlässlich der 3. ordentlichen Generalversammlung vom 28. April 1932, orientierte der Vorstand über weitere Baumöglichkeiten. Die Versammlung begrüsste - trotz oder vielleicht gerade auch wegen der damals angespannten, allgemeinen Wirtschaftslage - grundsätzlich weitere Aktivitäten der GBA. Die neue Kolonie, die sich nach den provisorischen Vorlagen an die bestehenden Bauten in Richtung Süd-Ost anschliessen würde, würde zu gegebener Zeit bei einer weiteren Versammlung behandelt, was in der Folge dann bereits am 20. April 1933 der Fall war. Auch dieses Projekt wurde wiederum einstimmig gutgeheissen, so dass im Frühjahr 1934 mit dem Bau der 3. Bauetappe mit 3 Blöcken und total 60 Wohnungen begonnen wurde und die Häuser auf den 1. Oktober des Jahres schon bezugsbereit waren.